Krankenfahrten in Mecklenburg Vorpommern nicht mehr gesichert?
Mecklenburg-Vorpommern steht vor einem massiven Versorgungsproblem im Bereich der Krankenbeförderung. Nach monatelangen, ergebnislosen Verhandlungen zwischen dem Landesverband des Taxi- und Mietwagengewerbes und den Krankenkassen, fehlen zahlreichen Taxiunternehmen ab dem 1. April 2026 die Abrechnungsgrundlagen für verordnete Krankenfahrten. Diese Eskalation gefährdet nicht nur die Mobilität tausender Patienten, sondern auch die wirtschaftliche Existenz vieler Taxibetriebe.
Massive Unsicherheit bei der Krankenbeförderung in MV
Die Gespräche sind gescheitert, die Fronten verhärtet. Ohne gültige Verträge können Taxiunternehmen die Fahrten auf Verordnung – die sogenannten Transportscheine – nicht länger mit den Krankenkassen abrechnen. Ein erheblicher Teil der Branche hat bereits angekündigt, diese unverzichtbaren Fahrten vorerst einzustellen. Maik Göricke, Verbandssprecher, betont die Enttäuschung: „Wir haben alles versucht, um einen Einstieg zu bekommen und eine Eskalation zu vermeiden. Noch weiter können wir aber nicht runtergehen.“
Taxiunternehmen am Limit: Wenn Kosten und Vergütung auseinanderdriften
Der Landesverband hebt hervor, dass er seine ursprünglichen Forderungen deutlich reduziert hat – zuletzt lag ein Angebot rund 31 Prozent unter der Erstforderung. Die Krankenkassen boten hingegen eine durchschnittliche Erhöhung von etwa zehn Prozent an. Aus Sicht der Taxiunternehmer ist dies angesichts stark gestiegener Personal-, Fahrzeug- und Betriebskosten absolut unzureichend und deckt die Aufwendungen nicht. Ein eigens entwickelter Kostenrechner für einen durchschnittlichen Betrieb mit vier Fahrzeugen belegt die angespannte Lage: Die kalkulierten Vergütungen ermöglichen teils nicht einmal einen Unternehmerlohn auf Mindestlohnniveau. Der Verband kritisiert, dass „mathematische Grundprinzipien regelmäßig ignoriert werden.“
Die zentrale Rolle des Taxigewerbes und drohende Versorgungslücken
Für viele Taxiunternehmen in Mecklenburg-Vorpommern sind Krankenfahrten die wirtschaftliche Basis: Rund 80 Prozent der Betriebe erzielen damit den Großteil ihres Umsatzes. Fällt dieses Geschäft weg, sind besonders kleinere Betriebe im ländlichen Raum existenzbedroht. Insolvenzen, Betriebsaufgaben und der Rückzug selbst gemeinnütziger Anbieter häufen sich bereits.
Die Folgen für Patienten sind gravierend: In Schwerin, Rostock, Neubrandenburg, Stralsund sowie in den Landkreisen Mecklenburgische Seenplatte und Vorpommern-Rügen drohen erhebliche Einschränkungen. Chronisch kranke und mobilitätseingeschränkte Menschen, die regelmäßig zu Dialyse, Chemotherapie oder Bestrahlung müssen, stehen vor großen Problemen. Auch Entlassungsfahrten aus Krankenhäusern und Wege zu ambulanten Behandlungen sind gefährdet.
Das Taxigewerbe übernimmt in Mecklenburg-Vorpommern eine entscheidende Rolle in der Daseinsvorsorge: Knapp 80 Prozent der Krankentransporte ohne medizinische Begleitung führen Taxiunternehmen durch. Ein solcher Ausfall lässt sich kurzfristig weder durch verbleibende Betriebe noch durch den Rettungsdienst kompensieren. Die flächendeckende Patientenversorgung durch das Taxigewerbe ist somit unverzichtbar.
Kritik an Einzelverträgen: Keine Lösung für flächendeckende Versorgung
Die Krankenkassen weisen die Vorwürfe zurück und appellieren an die Betriebe, sich nicht an Arbeitsniederlegungen zu beteiligen. Parallel bieten sie Einzelverträge auf Basis ihres letzten Angebots an. Etwa die Hälfte der Unternehmen hat diese Option angenommen. Der Landesverband lehnt dies jedoch als Lösung ab. Die angebotenen Verträge sind nicht verhandelbar und bilden die wirtschaftliche Realität vieler Betriebe nicht ab. Maik Göricke stellt klar: „Wir haben keine schlechte Auftragslage, sondern schlechte Vergütungen.“ Die Auslastung der Fahrzeuge sei hoch, das Problem liege allein in der Finanzierung.
Daseinsvorsorge in Gefahr: Taxi im ländlichen Raum vor dem Kollaps
Die Auseinandersetzung hat eine lange Vorgeschichte. Der Verband kritisiert, dass Krankenkassen über Jahre ihre Verhandlungsmacht genutzt haben, um niedrige Vergütungen durchzusetzen. Unterstützung kommt aus der Wirtschaft: Guido Sembach, Verbandschef und Unternehmer, spricht von einer existenziellen Krise, da man Patienten „derzeit wirtschaftlich weit unter null“ befördere. IHK-Präsident Krister Hennige sieht das Geschäftsmodell Taxi, insbesondere im ländlichen Raum, in Gefahr. In den vergangenen 25 Jahren haben im Land mehr als 500 Betriebe aufgegeben – ein deutliches Zeichen für den enormen Druck auf das Taxigewerbe.
Der Konflikt verdeutlicht, wie eng Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Rahmenbedingungen im Gelegenheitsverkehr miteinander verknüpft sind. Krankenfahrten sind eine tragende Säule der medizinischen Infrastruktur, deren Wegfall das gesamte Versorgungssystem ins Wanken bringt.
Appell und Ausblick: Der Ball liegt bei den Verhandlungspartnern
Trotz der verhärteten Fronten ist eine Einigung laut Verband noch nicht ausgeschlossen. „Wir sind weiterhin und auch kurzfristig verhandlungsbereit“, betont Göricke. Der Zeitdruck wächst jedoch. Ohne eine tragfähige Lösung droht ab April 2026 eine Lücke in der Patientenversorgung, die sich nicht kurzfristig schließen lässt. Für Taxiunternehmer und Patienten in Mecklenburg-Vorpommern bleibt die dringende Hoffnung, dass sich die Verhandlungspartner doch noch bewegen und eine faire, kostendeckende Vergütung für diese essenzielle Leistung gefunden wird, um die Zuverlässigkeit und Mobilität im Land weiterhin zu sichern.